Die Bedeutung naturheilkundlicher Konzepte für die Medizin im Nationalsozialismus

Dieser kurze Aufsatz gibt eine Zusammenfassung meiner Dissertation:

Detlef Bothe, Neue Deutsche Heilkunde 1933 - 1945, dargestellt anhand der Zeitschrift “Hippokrates” und der Entwicklung der volksheilkundlichen Laienbewegung. (= Abhandlungen zur Geschichte der Medizin und Naturwissenschaften, Heft 62, Hrsg. von Rolf Winau und Heinz Müller-Dietz), Mattthiesen Verlag, Husum, 1991. ISBN 3-7868-4062-8

Die Bedeutung naturheilkundlicher Konzepte für die Medizin im Nationalsozialismus

Unter dem Begriff „Neue Deutsche Heilkunde“ wurde ab 1933 versucht, die bisherige Medizin umzugestalten und für die nationalsozialistische Politik nutzbar zu machen. Scheinbar ging es dabei vor allem um die Förderung von Naturheilkunde, Homöopathie und verschiedener Außenseiterverfahren, das eigentliche Ziel der Nationalsozialisten war es jedoch, der Heilkunde eine andere Bestimmung zu geben.

Im Folgenden soll diese „Neue Deutsche Heilkunde“ vorgestellt werden und insbesondere die Bedeutung naturheilkundlicher Vorstellungen für dieses Konzept dargestellt werden.

Von der Krise der Medizin zur Neuen Deutschen Heilkunde

Im Oktober 1933 erschien im Deutschen Ärzteblatt ein Aufruf von Reichsärzteführer Gerhard Wagner "An alle Ärzte Deutschlands, die sich mit biologischen Heilverfahren befassen", in dem Wagner ankündigte, daß er die biologischen Ärzte jeder Richtung zusammenfassen wolle. Dieser Zusammenschluß sei notwendig, um Zersplitterung und Sektierertum zu überwinden und somit einen stärkeren Einfluß auf die Ärzteschaft zu gewinnen. Es habe sich nämlich gezeigt, so Wagner, daß auch außerschulmedizinische Heilverfahren Erfolge aufzuweisen hätten. Nach erfolgtem Zusammenschluß sollten diese Heilverfahren auf Wertvolles überprüft werden und dann in die Medizin integriert werden, die Rede war sogar von einer Synthese "der bisherigen einseitigen Schulmedizin mit der natürlichen Behandlungsweise".

Während dieser Aufruf bei den Schulmedizinern große Skepsis hervorrief, löste er bei Naturärzten und anderen Außenseitern euphorische Begeisterung aus. Eine in Aussicht gestellte staatliche Förderung außerschulmedizinischer Verfahren hatte es bisher noch nicht gegeben, und sowohl Schulmediziner als auch Außenseiter dachten, daß nun eine Neubewertung und Neuordnung medizinischer Therapien auf der Tagesordnung stand.

Debatten über Inhalte und Aufgabe der Medizin wurden nicht erst seit 1933 geführt. Bereits in den 20er Jahren war es in Deutschland zu breiten Diskussionen über eine vermeintliche "Krise in der Medizin" gekommen. Im Mittelpunkt dieser Debatten stand das naturwissenschaftliche Weltbild der Medizin und die von vielen als Einengung empfundene Reduktion medizinischen Handelns und Denkens durch eine mechanistische Betrachtungsweise, die andere als naturwissenschaftliche Erkenntnisse nicht zuließ. Darüberhinaus wurden aber auch andere als negativ empfundene Erscheinungen mit dem Schlagwort "Krise der Medizin" belegt, etwa die von den Ärzten als bedrohlich erlebte Krise des Ärztestandes oder die vermeintliche Krise der Sozialversicherung.

Ein Aspekt in diesen Krisendiskussionen war der allseits konstatierte Vertrauensverlust der Bevölkerung in die Heilkunde, für den man - je nach eigenem Standpunkt - das Paradigma der Medizin, die Kurpfuscher oder das Sozialversicherungssystem verantwortlich machte.

Diesen Vertrauensverlust in die Medizin stellten nach 1933 auch viele führende Nationalsozialisten fest. So bemerkte etwa der Präsident des Reichsgesundheitsamtes, Hans Reiter: "Das Vertrauen weitester Volkskreise zur ausübenden und forschenden Medizin ist trotz allgemeiner Zunahme der ärztlichen Leistung und trotz weitgehendster Entwicklung der medizinischen Forschung offenbar gesunken."

Mit der Propagierung einer "Neuen Deutschen Heilkunde" verfolgten die Nationalsozialisten zunächst das Ziel, diese in ihren Augen unselige Krisendebatte zu beenden und das Vertrauen in die Ärzteschaft wiederherzustellen. Dies waren die Voraussetzungen dafür, daß die Ärzteschaft die ihr zugedachte führende Rolle in der Gesundheitspolitik übernehmen konnte.

Dennoch wurde die Kritik an der Schulmedizin aufgegriffen, der man jedoch nicht ihre Heilmethoden, sondern ihre "charakterliche Einstellung" vorwarf. So kreidete etwa Arnulf Streck, Sonderbeauftragter Wagners, der Schulmedizin die "Abkehr vom Natürlich-Urtümlichen und Gottgewollten" an und machte sie verantwortlich für die "Überbewertung des Körpers und der Einzelorgane und Unterbewertung der Seele und der Konstitution". Dies seien die Folgen von "Liberalismus, Individualismus, mechanistisch-materialistisches Denken und jüdisch-kommunistischer Menschheits-Ideologie". Und Wagner wies darauf hin, daß "die Krise der Medizin nicht so sehr eine Krise der Behandlungsmethoden, sondern eine Krise der charakterlichen Einstellung, vor allem zu Volk und Rasse" gewesen sei.

In diesen Angriffen gegen die Schulmedizin wird bereits deutlich, daß es bei der Förderung außerschulmedizinischer Heilverfahren weniger um therapeutische Konzepte  als vielmehr um eine ideologische Neuorientierung in der Medizin ging.

Es gehe nun darum, so Wagner, sich zu einer biologischen Betrachtungsweise zu bekennen, auf der auch die nationalsozialistische Weltanschauung beruhe: "Diese Weltanschauung sieht den Menschen nicht als einzelnes Individuum, sondern als Glied einer großen, deutschen, blutsverbundenen Volksfamilie, als Erben rassischer, körperlicher und geistig-seelischer Eigenschaften, die er als Träger der Zukunft seines Volkes an künftige Generationen weiterzugeben hat." Die zukünftige Heilkunde müsse auf dem Fundament "der nationalsozialistischen Weltanschauung von den natürlichen, den biologischen Grundgesetzen allen Geschehens" stehen.

Für die Durchsetzung eines derartigen Programms schienen die ideologischen Konzepte der Naturheillehre weit besser geeignet als die der "individualistischen" Schulmedizin. Was man an der Naturheillehre schätzte, war ja gerade deren biologische Betrachtungsweise, auf die auch die Naturärzte wiederholt hinwiesen. So stellte etwa der Naturarzt Schürer fest, daß mit der Herrschaft des Nationalsozialismus ein System die Macht übernommen habe, "welches dem Totalitätsgedanken der Naturärzte entgegenkam" und der Kneipp-Arzt Heinz Bottenberg wies darauf hin, daß die Naturheillehre "ein ganzes Volk zu größerer Verbundenheit mit der Natur und zum biologischen Denken" führe und damit "Einsicht und Verständnis für biologische Maßnahmen am Volkskörper selbst, also Sterilisierungsgesetz, Ehetauglichkeitszeugnisse etc." erzeugen würde.

Auf organisatorischer Ebene sollte diesem Ziel die 1935 mit großem publizistischen Aufwand gegründete "Reichsarbeitsgemeinschaft für eine Neue Deutsche Heilkunde" dienen. Diese "Reichsarbeitsgemeinschaft" war jedoch eine sterile Schreibtischgründung, die über einige kleinere von ihr veranstaltete Tagungen hinaus keine praktische Relevanz erlangte.

Zunächst war es jedoch zu kontroversen Diskussionen über den Stellenwert von Heilmethoden und Verfahren gekommen, die Schulmedizin geriet vorübergehend in die Defensive.  So wurde vor allem in Zeitschriften wie etwa dem Organ der Reichsarbeitsgemeinschaft, dem "Hippokrates" heftig gestritten, sei es über die Serumtherapie der Diphtherie oder die Notwendigkeit, eine Appendicitis zu operieren. Diese Debatten waren jedoch geprägt vom monomanen und sektiererischen Auftreten von Naturheilkundlern und Homöopathen, denen es mehr um ihre Verfahren als um eine geänderte ideologische Einstellung ging. So trug die "Reichsarbeitsgemeinschaft" durchaus nicht zur geforderten "ideologischen Durchdringung" der Ärzteschaft bei und wurde wohl auch deswegen Anfang 1937 bereits wieder aufgelöst. Die Ärzte sollten nicht über Heilmethoden streiten, sondern als Gesundheitsführer der Nation dafür Sorge tragen, daß die nationalsozialistische Gesundheitspolitik umgesetzt werden konnte.

Nationalsozialistische Gesundheitsführung und die Pflicht zur Gesundheit

Inhalte und Aufgaben dieses als "Gesundheitsführung" titulierten Konzepts hatte der stellvertretende Reichsärzteführer Friedrich Bartels 1936 auf dem Reichsparteitag dargelegt. Er forderte, daß "zuverlässig Sorge dafür getragen" werden müsse, daß das Volk "soweit irgend möglich im Vollbesitz seiner aufgrund seines Erb- und Rassegutes überhaupt erreichbaren Leistungsfähigkeit und Gesundheit" sein müsse. Der von ihm festgestellte Knick im Arbeitsschicksal, die Tatsache also, daß ein hoher Anteil Werktätiger frühzeitig in der Leistungsfähigkeit nachließ, müsse beseitigt werden.

Vierjahresplan und Kriegsvorbereitungen stellten die Leistungsfähigkeit der Bevölkerung in den Mittelpunkt der nationalsozialistischen Gesundheitsführung. Bei der Durchsetzung dieses Programms kam der Ärzteschaft eine Schlüsselrolle zu, sie sollten für die Umsetzung dieses Konzepts Sorge tragen. Der Arzt sollte zum Gesundheitsführer der Nation werden und dazu beitragen, so Wagner, die "Arbeits- und Leistungsfähigkeit des deutschen Menschen entsprechend zu verlängern, also zu steigern".

Für den Bereich medizinischer Therapien bedeutete dies, alle verfügbaren und erfolgversprechenden Heilmethoden einzusetzen. Darüberhinaus sollten die Ärzte zu einer vorbeugenden Medizin gebracht werden, von der man sich positive Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit versprach. So forderte Wagner: "Wir wollen nicht warten, bis der Schaden und die Krankheit eingetreten sind, sondern wir wollen die Krankheit verhüten dadurch, daß wir vorbeugend eingreifen und Abweichungen vom Normalen feststellen, bevor sie als Krankheit vom Betroffenen zum Bewußtsein gekommen sind." Vor allem aber forderte Wagner die Erziehung des Volkes zur Gesundheit und proklamierte in diesem Zusammenhang für jeden Einzelnen die Pflicht, sich gesund zu halten so gut er dies vermag.

Den nationalsozialistischen Gesundheitspolitikern war dabei klar, daß eine derartige Pflicht zur Gesundheit nicht auf dem Verordnungswege zu erreichen war, sondern nur durchgesetzt werden konnte mit Ärzten, die das Vertrauen ihrer Patienten besaßen. Die Schaffung eines solchen Arztes war ein Ziel, das mit der "Neuen Deutsche Heilkunde" erreicht werden sollte.

Bei dieser Aufgabe hatte die "Reichsarbeitsgemeinschaft" zwar versagt, aber nach ihrer Auflösung gab es nun keine Organisation mehr, die dies hätte bewerkstelligen können. So beauftragte Wagner den Heidelberger Internisten Ernst Günther Schenck, eine neue Gesellschaft ins Leben zu rufen, die sich dieser Aufgabe widmen sollte. 1939 wurde die Gründung einer "Wissenschaftlichen Gesellschaft für naturgemäße Lebens- und Heilweisen" unter der Leitung Schencks bekannt gegeben, zu deren Aufgabe es in der Satzung hieß: "Die Gesellschaft hat den Zweck, die wissenschaftliche Forschung auf dem Gesamtgebiet der Naturheilkunde und das Studium einer naturgemäßen Lebensweise zu fördern; sie beabsichtigt, die gewonnenen Erkenntnisse für die Hebung der Gesundheit und Leistungsfähigkeit des Volkes sowie für eine sinnvolle Krankenbehandlung erzieherisch auszuwerten."

Schenck war für diese Aufgaben der geeignete Mann, da seine in zahlreichen Denkschriften entwickelten Vorstellungen in vielen Punkten Übereinstimmung mit nationalsozialistischen Forderungen enthielten. So empfand auch er die in den letzten Jahren geführte Auseinandersetzungen als "unbefriedigend", da es nicht um die Anerkennung von Methoden ginge, sondern um eine grundsätzlich andere Einstellung zu den Fragen von Gesundheit und Krankheit. Die vordringlichen Aufgabe der Ärzteschaft sah Schenck in der "Menschenführung", die sich mit Fragen der Vorbeugung, Verhütung und der Gesundheitserziehung befassen müsse. Sein Ziel war es, die Medizin neu- und umzugestalten zu einer Gesundheitskunde, die sich mit der "Erforschung der Gesundheit (und) der Leistungssteigerung ... bis hin zum höchstmöglichen Grade" beschäftigen sollte. Wie diese Gesundheitskunde aussehen sollte, hatte Schenck in zahlreichen Denkschriften formuliert.

In Übereinstimmung mit nationalsozialistischen Gesundheitspolitikern konstatierte auch Schenck ein Leistungsdefizit in der Bevölkerung, die er auf die fehlende Beachtung von Naturgesetzen zurückführte. Die Beachtung einer naturgemäßen Lebensweise sei deswegen für die Festigung des Gesundheitszustandes von ausschlaggebender Bedeutung. Die logische Folge naturheilkundlichen Denkens müsse sein, "daß der Lebensführung und der freiwilligen Mitarbeit des Krankgewordenen oder Gefährdeten an seiner Gesundheit ständig wachsende Aufmerksamkeit geschenkt wird". "Die natürliche Lebensweise und die Naturheilverfahren erhalten darin ihren letzten und umfassenden Sinn; denn sie sind die Mittel, die es einem jeden ermöglichen, den Schädigungen des modernen Lebens zu begegnen." Und entsprechend den Vorgaben Wagners und anderer Parteipolitker fordert auch Schenck die Pflicht zur Gesundheit, die "allen Deutschen allmählich zur Selbstverständlichkeit"  werden müsse.

Die "Wissenschaftliche Gesellschaft" sollte eine neue Gesundheitskunde erarbeiten, die das theoretische Rüstzeug für die Gesundheitserziehung sowie eine veränderte Krankenbehandlung liefern sollte. Die Integration der Naturheilkunde sollte dabei insbesondere dem Ziel dienen, gesundheitserzieherisch zu wirken, also "Gesundheitsführung" zu betreiben. Dazu sollten die einzelnen Ratschläge zur naturgemäßen Lebensführung wissenschaftlich auf ihren Wert und ihren Beitrag zur Leistungssteigerung überprüft werden. Aus der Weiterentwicklung einer Gesundheitslehre sollte dann eine "allgemeine Therapie" formuliert werden, in der einfach zu erlernende, stets zur Verfügung stehende und preiswerte Behandlungsverfahren die Basis jeder Krankenbehandlung werden sollten. Ergänzend sollte dazu gegebenenfalls eine spezifische Therapie treten.

Aufgrund des Beginn des 2. Weltkrieges kam die Gesellschaft jedoch nicht zur Arbeitsaufnahme und hat somit keinerlei praktische Bedeutung erlangt. Dies mag darin begründet liegen, daß die geplante Tätigkeit der Gesellschaft unter Kriegsbedingungen nicht  mehr die Relevanz für die nationalsozialistische Gesundheitsführung besaß.
 

Die Einbindung der volksheilkundlichen Laienbewegung

Wichtigstes Ziel nationalsozialistischer Gesundheitspolitik im Krieg war es geworden, die lautstark proklamierte Pflicht zur Gesundheit durchzusetzen. Dabei baute Wagners Nachfolger, Gesundheitsführer Leonardo Conti, eher auf die breite Mitgliederschaft der volksheilkundlichen Laienbewegung.

Eine solche Bewegung hatte sich bereits um im letzten Jahrhundert herausgebildet und besaß eine große Anhängerschaft, die zu Beginn der 30er Jahre auf 6-10 Millionen Mitglieder und Sympathisanten geschätzt wurde.

Dieses Potential wollten sich die Nationalsozialisten nutzbar machen. So hatte Wagner erklärt, die Volksgesundheitsbewegung sei dazu berufen, das "Volk zu einer naturgemäßen Lebensweise und Lebensführung zu erziehen" und das Verständnis für die nationalsozialistische Gesundheitspolitik zu fördern.

Schon frühzeitig unternahmen nationalsozialistische Politiker daher Anstrengungen, diese Bewegung gleichzuschalten. Doch erst 1935 kam es, parallel zur Gründung der "Reichsarbeitsgemeinschaft für eine Neue Deutsche Heilkunde", unter der Führung Wagners zur Gründung einer "Reichsarbeitsgemeinschaft der Verbände für naturgemäße Lebens- und Heilweisen", in der die bedeutendsten Laienbünde zusammengefaßt wurden. Zum deren Leiter  wurde der Journalist Georg Gustav Wegener ernannt, der zu den Aufgaben des neuen Verbandes erklärte: "Die Reichsarbeitsgemeinschaft dient dem gesundheitlichem Gemeinwohl des deutschen Volkes mit dem Ziel, alle auf dem Gebiet der naturgemäßen Lebenspflege und Heilweise im Deutschen Reich bestehenden Laienbünde unter einheitlicher Führung zur gemeinsamen Arbeit und gleichberechtigten Vertretung zusammenzufassen. Durch die zusammengeschlossenen Bünde sollen alle persönlichen Kräfte gesundheitlicher Selbstverantwortung und des gesundheitlichen Selbstschutzes geweckt und damit das Verständnis für die biologischen Heilweisen, für die völkische Aufartung und Stählung der deutschen Volkskraft, eine naturgemäße bodenständige Lebenspflege, vertieft und erweitert werden."

Nach außen hin trat die "Reichsarbeitsgemeinschaft der Verbände für naturgemäße Lebens- und Heilweisen" zunächst wenig in Erscheinung. Die alten Vereine bestanden  weiterhin fort, und in ihnen fand die übliche Vereinsarbeit statt. Weiterhin erschienen auch die Vereinszeitschriften der verschiedenen Verbände, teils in hohen Auflagen, demgegenüber verfügte die "Reichsarbeitsgemeinschaft" nicht über ein eigenes Organ. Erst 1937 kam es in Düsseldorf zu einer ersten sogenannten Reichstagung unter dem Motto "Diese Volk muß gesund bleiben", weitere Reichstagungen folgten 1939 in Stuttgart und 1941 in Weimar. Auf diesen Tagungen wurden Vereine und Mitglieder auf eine gesunde Lebensführung und vor allem auf die Pflicht zur Gesundheit eingeschworen.

Das Interesse der Parteipolitiker an diesen Vereinen war dann auch weniger in ihren spezifischen Heilverfahren begründet als vielmehr darin, daß ihre Mitglieder ein bestimmtes Gesundheitsbewußtsein an den Tag legten. So bekannte Wagner dann auch auf seiner Rede in Düsseldorf freimütig: "Ich sage Ihnen ganz ehrlich: Es ist mir letzten Endes ziemlich gleichgültig, ob der eine oder andere von Ihnen dem Biobund angehört oder auf Kneipp, auf Felke oder auf Homöopathie schwört, wie es mir auch gleichgültig ist, ob er zum Arzt oder zum Heilpraktiker geht ... Das ist für mich eine absolut untergeordnete Angelegenheit." Wichtig war für Wagner nur noch die Pflicht jedes Einzelnen, "sein Leben und seine Lebensgestaltung so einzurichten, wie er es gegenüber seiner eigenen Gesundheit, vor seiner Familie und seinem Volke verantworten kann".

Die Pflicht zur Gesundheit wurde vor allem nach Kriegsbeginn zum zentralen Propagandabegriff in der Laienbewegung, ihr Mitglieder sollten , wie Schenck forderte, als "Sturmmannschaften der Volksgesundheit" und "Soldaten der Gesundheitsführung" für dessen Durchsetzung Sorge tragen.

Mit zunehmender Bedeutung dieser Aufgabe wurde 1941 eine Umstrukturierung der Verbände in die Wege geleitet, die 1942 mit der Auflösung der bis dahin noch eigenständigen Verbände und ihrer Zeitschriften endete; diese wurde in den "Deutschen Volksgesundheitsbund (DVB)" überführt, der Wagners Nachfolger, Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti direkt unterstand. Zugleich versuchte man mit zwei eigenen Zeitschriften, stärkeren Einfluß auszuüben.

Conti begründete diese Maßnahmen damit, "daß an Stelle sektiererischer Einseitigkeit eine positive Gesundheitserziehung" treten müsse. Dazu sei es erforderlich gewesen, den Verbänden eine andere Aufgabe zu stellen, "nämlich die, aus einer Sektiererei, aus dieser Halbmedizinerei mit einzelnen Methoden, die sie als Allheilmittel ansahen, zu einer Gesundheitserziehung im vorbeugenden Sinne fortzuschreiten."

Inhaltlich lag die Haupttätigkeit auf der Propagierung einer gesunden Lebensweise. Conti prangerte die Lebensgewohnheiten des Volkes heftig an, er kritisierte die "verfehlte Einstellung eines großen Teil des deutschen Volkes zu Heilmitteln an sich", das "übliche Tagesleben" müsse auf ein gesundheitsbewußtes Verhalten ausgerichtet werden. So kritisierte Conti selbst Details wie Schuhformen, Kleidung, lackierte Nägel und rote Lippen, die Ausdruck eines verfehlten Schönheitsideals seien. Das Volk müsse zu einer naturgemäßen Lebensweise erzogen werden, anstelle der Inanspruchnahme von Ärzten sollen sich die Menschen mit natürlichen Heilmaßnahmen selbst helfen. Dem sollte die geforderte Ausbildung in familiärer Krankenhilfe sowie die Einführung eines "sozialen Frauenjahrs" dienen. Vor allem ging es darum, "künftighin noch stärker und eifriger den Begriff von einer 'Pflicht zum Gesundsein' und die Voraussetzungen dazu in das Volk" hineinzutragen, da dieser Begriff "noch nicht voll und ganz durchgedrungen" sei. "Unsere Aufgabe ist es also zunächst einmal, diese Idee wirklich an jeden Volksgenossen heranzutragen und sie zu einer Pflicht für jeden einzelnen zu machen, die er freudig erfüllt."

Wegen der hohen Bedeutung, die der Arbeit des "Deutschen Volksgesundheitsbundes" während des Krieges beikam, wurde dessen Arbeit folgerichtig als kriegswichtig deklariert und unterlag nur wenigen Einschränkungen.

Parallel zur Gleichschaltung der naturheilkundlichen Laienverbände wurde zudem die lebensreformerische Bewegung (Anhänger von Körperkultur, Vegetarier, Reformhäuser etc) gleichgeschaltet. Zunächst wurde 1933 in der "Abteilung Volksgesundheit der NSDAP" ein "Referat für Lebensreform" unter der Leitung von  Hanns Georg Müller geschaffen, der dann auch Leiter der 1937 gegründeten "Deutschen Lebensreformbewegung e.V." wurde.

Die Gleichschaltung der bunten Lebensreformbewegung gestaltete sich als besonders schwierig. In ihr waren Menschen versammelt, denen Lebensreform als das Wichtigste überhaupt erschien und die beispielsweise Politik überhaupt nicht interessierte. Eine derartige Einstellung paßte den Nationalsozialisten natürlich überhaupt nicht, Müller hielt eine Lebensreformbewegung, die nicht vor dem Geiste des Nationalsozialismus ihre Anerkennung finden kann, für undenkbar. So war beispielsweise der Vegetarismus als Ernährungsform durchaus mit nationalsozialistischen Vorstellungen in Einklang zu bringen, als Weltanschauung oder Lebensanschauung dagegen mußte er abgelehnt werden. Da es nicht gelang, die Vegetarier innerhalb der "Deutschen Gesellschaft für Lebensreform" zu organisieren, wurden die noch bestehenden vegetarischen Vereine schließlich 1935 aufgelöst. Ähnlich erging es auch anderen Vereinen, die übriggebliebenen Verbände wurden Ende 1936 in der "Deutschen Lebensreform-Bewegung" zusammengefaßt, deren Vorsitzender Müller wurde.

Die Arbeit der "Deutsche Lebensreform-Bewegung" bestand hauptsächlich in der Organisation und Durchführung von Vorträgen und kleineren Veranstaltungen. Im August 1938 hielt man in Innsbruck eine große Reichstagung ab, auf der sich die nun weitgehend gleichgeschaltete Bewegung als "Stoßtrupp der nationalsozialistischen Gesundheitsführung und Vortrupp für eine neue Lebensgestaltung" darstellte.

Der Schwerpunkt der lebensreformerischen Propaganda lag in der sogenannten Ernährungslenkung, deren Aufgaben Wirz wie folgt beschrieb: "Es ist notwendig, die Ernährung gesünder zu gestalten, um unser Volk leistungsfähiger zu machen. Es ist notwendig, die Ernährung umzugestalten, um die deutsche Ernährungsfreiheit zu erlangen." So forderte man insbesondere eine Verringerung des Fleisch- und Fettverbrauchs, der der Gesundheit abträglich sei und propagierte stattdessen Vollkornbrot.

Mit zunehmender Kriegsdauer diente die Propaganda der Lebensreformbewegung vor allem dazu, kriegsbedingte Einschränkungen in der Versorgungslage als ernährungsphysiologisch sinnvoll darzustellen. So hieß es beispielsweise in der Verbandszeitschrift "Leib und Leben",  "Einschränkungen der jetzt gebotenen Art werden darum den meisten bestimmt nichts schaden, recht vielen aber, deren Stoffwechsel mit gespeicherten Rückständen belastet ist, sogar ausgesprochenen Nutzen bringen".

1941 wurde schließlich auch die "Deutsche Lebensreform-Bewegung" in den "Deutschen Volksgesundheitsbund" überführt, um eine Bündelung aller Kräfte zu erreichen.
 

Naturheilkunde und Nationalsozialismus

Unter "Neuer Deutsche Heilkunde" ist also weit mehr zu verstehen als nur eine Neuordnung medizinischer Therapien, die aber auch nicht das Ziel der nationalsozialistischen Gesundheitspolitik war. Die anfänglich verfolgte Propagierung außerschulmedizinischer Heilverfahren sollte zunächst nur dazu dienen, die in den Augen der Nationalsozialisten schädliche Debatte über eine vermeintliche Krise in der Medizin zu beenden und so eine größere Vertrauensbasis in die Medizin zu schaffen. Diese war erforderlich, damit Ärzte und Volk für eine Mitarbeit an der nationalsozialistischen Gesundheitsführung gewonnen werden konnten, die insgesamt einen hohen Stellenwert in der nationalsozialistischen Politik besaß.

Die von Monomanie und Sektierertum geprägten Debatten über einzelne Heilverfahren waren den Nationalsozialisten eher ein Dorn im Auge und führten schließlich zur Auflösung der "Reichsarbeitsgemeinschaft", so daß die zumindest anfangs auch propagierte "Synthese" verschiedener Heilmethoden nicht vom Erfolg gekrönt war. Vielmehr blieb die Schulmedizin, erst recht nach Beginn des Krieges, die Basis der praktischen Medizin.

Mit der Propagierung einer "Neuen Deutschen Heilkunde" wurde vordringlich das Ziel verfolgt, die Einstellung von Ärzten und Bevölkerung zu Fragen von Krankheit und Gesundheit zu verändern und das rassenhygienisch begründete Prinzip des Vorrang des Volksganzen vor den Interessen des Individuum in der Medizin zu verankern. Hierfür schien sich eine biologisch denkende, auf Ganzheit und Natur berufende Naturheilkunde besser zu eignen als die durch die Krisendebatten diskreditierte, individualistisch orientierte  Schulmedizin.

Die Naturärzte waren von der eingetretenen Wende überwiegend begeistert. Wenn Befürchtungen geäußert wurden, betrafen diese eher die Angst, die vermeintliche Eigenständigkeit im Gemenge der Heilverfahren zu verlieren. Waren somit einzelne Anhänger monoman ihren Methoden verhaftet, so begrüßten die naturärztlichen Organisationen und die meisten ihrer Mitglieder nicht nur die in Aussicht gestellte Anerkennung ihrer Verfahren, sondern auch die neue Ausrichtung der Medizin. Dies  gilt nicht nur für einen Karl Kötschau, dem ersten Lehrstuhlinhaber für Biologische Medizin (Jena) und Leiter der "Reichsarbeitsgemeinschaft für eine Neue Deutsche Heilkunde", der biologisches Denken mit nationalsozialistischen Denken überhaupt gleichsetzte und dessen Konzept einer kämpferischen Vorsorge durch Übung an der Natur richtungsweisend für die Gesundheitsführung war. Auch moderate Naturärzte begüßten den Umschwung mit Bemerkungen wie: "Führer zur Gesundheit können zur Zeit wirklich nur wir Naturärzte sein"

So hieß es auf der Reichstagung des Reichsverbands der Naturärzte (1936), daß mit der Herrschaft des Nationalsozialismus ein System die Macht übernommen habe, "welches dem Totalitätsgedanken der Naturärzte entgegen kam ... Die Welt des Naturarztes als Wille und Vorstellung, sowohl in seiner Beziehung auf den Kranken wie auch auf den gesunden Menschen, entsprach genau der der neuen Staatsauffassung. Wofür die Naturärzte seit Jahrzehnten gekämpft haben, um den gesunden deutschen Menschen, wurde von dem neuen Staat als eines der Grundgesetze aufgenommen, durch jenen Gesetzeserlaß zum Schutze der Erbgesundheit des deutschen Volkes. Hiermit wurde die Weltanschauung der Naturärzte gesetzlich anerkannt."

Trotz ihres Sektierertums und Fanatismus hatten die Naturärzte frühzeitig erkannt, wie sie ihre Anschauungen dem Staat anpreisen konnten. So legte der Frankfurter Kneipp-Arzt Heinz Bottenberg bereits 1934 in der Münchener Medizinischen Wochenschrift dar, worin der "Wert des Naturheilverfahrens" liege: nämlich, abgesehen vom Heilerischen, im Erzieherischen. Der Naturheilkunde komme zudem ein ""staats- und bevölkerungspolitischer Wert" zu, indem sie die Gesundheit erhalten und die Leistungsfähigkeit steigern würde und darüberhinaus wegen ihres biologischen Denkens Einsicht und Verständnis für biologische Maßnahmen am Volkskörper selbst schaffen würde.

Mit der Entwicklung der "Neuen Deutschen Heilkunde" wurden wesentliche Elemente des naturheilkundlichen Konzepts Bestandteil der offiziellen Medizin; das gilt insbesondere für die Integration ihres präventivmedizinischen Erziehungskonzepts. Ist die Naturheilkunde also von den Nationalsozialisten mißbraucht, entstellt und funktionalisiert worden, und, wie Haug es formulierte, "zugerichtet worden zu einer rassistischen 'biologischen' Medizin", wurden "heilenden und präventiven 'Naturkräfte' sozialdarwninistisch uminterpretiert" und die Naturheilkunde nicht aufgewertet sondern ausgebeutet?

In der Beantwortung dieser Frage fällt zunächst auf, daß es eine Reihe von Begriffen gibt, wo sich naturheilkundliche und nationalsozialistische Vorstellungen berühren, etwa bei Begriffen wie Natur und Ganzheit, aber auch in Vorstellungen über Krankheitsursachen und Krankheitsverhütung.

So beriefen sich sowohl Nationalsozialisten als auch Naturheilkundler auf die Natur, beide leiten ihre Vorstellungen unter Berufung auf vermeintliche Naturgesetzlichkeiten ab. Die Konstituierung von Natur als neuer Leitinstanz, der scheinbar ein höherer Wert als der Vernunft zukommt, impliziert die Anerkennung von Naturgesetzen, die dann auch befolgt werden müssen. "Natur" wird damit zum quasi objektiven Wertkriterium, an dem sich alles beurteilen läßt. So wird nur eine naturgemäße Lebensweise als richtig anerkannt, wie auch der natürliche "Kampf ums Dasein" richtig und nicht durch "widernatürliche" Maßnahmen zu unterbinden ist. Und wie sich der Nationalsozialismus auf staatlicher und politischer Ebene als Vollstrecker der Naturgesetze verstand, so sah die Naturheilbewegung ihre Aufgabe in der Propagierung und Erziehung zu einer "naturgemäßen" Lebensweise.

Letztlich läßt die Berufung auf die "Natur" keine Handlungsalternativen mehr zu, da es nur darum gehen kann, den Naturgesetzen zum Durchbruch zu verhelfen. "Widernatürliches" Handeln führt zu Krankheit und Tod, in der Betrachtungsweise des Sozialdarwinismus zum Untergang der Rassen und Völker. Diese "biologische" Betrachtungsweise ist also Naturheilkunde und sozialdarwinistischem Denken gemeinsam.

Dem wird entgegengehalten, daß es eine unterschiedliche Qualität im Naturbegriff von Nationalsozialisten und Naturheilkundlern gäbe. Richtig ist, daß "Natur" in der Naturheilkunde positiv besetzt ist, sich in der Lebenskraft äußert und insgesamt romantisch verklärt als erstrebenswerter Urzustand und zugleich Zufluchtsort vor der sozialen Realität erscheint. Demgegenüber scheinen die Nationalsozialisten eher einen pessimistischen Naturbegriff zu haben, ist Natur doch zunächst der Ort, wo der Kampf ums Dasein, Auslese und Ausmerze stattfinden.

Aber es gibt auch hier eine romantische Verklärung von Natur, die in der Verehrung des Natürlichen und Starken, Schlichten und Einfachen und nicht zuletzt in der Blut-und-Boden-Ideologie zum Ausdruck kam.

Affinitäten gab es auch beim Begriff der Ganzheit, der Totalität. Der von der Naturheilkunde propagierten Notwendigkeit einer ganzheitlichen Betrachtungsweise, die nicht nur das Individuum als Ganzes sieht, sondern auch immer die Ganzheit von Individuum und Umwelt betonte, konnten die Nationalsozialistisch ohne weiteres zustimmen. So stellte etwa Wagner fest: "Wir gehen vom Totalitätsprinzip aus und sehen den Menschen als Ganzes, als beseelte Leiblichkeit, als naturverbundenen Teil des gewaltigen Universums."

Beiden gemeinsam ist, daß dem Ganzen ein höherer Wert beigemessen wird als den Teilen, was nicht nur dazu führte, in der Erhaltung der Rasse als Ganzem eine ärztliche Aufgabe zu sehen, sondern auch die Konstituierung des nationalsozialistischen Prinzip "Gemeinnutz geht vor Eigennutz" ermöglichte, also dem Vorrang des höheren Volksganzen vor den Interessen des Individuums.

Bedeutende Gemeinsamkeiten gab es auch im Krankheitsverständnis. Hier lag des naturheilkundliche Krankheitsverständnis den Nationalsozialisten wesentlich näher als das der wissenschaftlichen Medizin, die Krankheit vor allem als Folge äußerer Einwirkungen sah. Die Naturheilkunde sieht in der Krankheit eine Störung des inneren Gleichgewichts und damit überwiegend im Kranken selbst gelegen. In diesem Krankheitsbegriff taucht soziale Realität nicht mehr auf, die etwa von dem Naturarzt Alfred Brauchle als krankheitsauslösend benannten Lebensbelastungen wie Rauchen und Trinken oder falsche Ernährung erscheinen mehr ein Frage des Willens zu sein, sich gesund zu ernähren. Dementsprechend erscheinen Brauchle dann auch Krankheiten nur zum Teil als unabwendbar, "zu einem anderen, nicht unbeträchtlichen Teil sind sie nur das Ergebnis einer falschen Lebensweise und einer dadurch herabgesetzten Abwehr."

Nicht nur dieses Krankheitskonzept, auch die daraus resultierenden Therapien, die an den Gesundungswillen der Kranken appellierten und zuweilen durchaus heroisch und asketisch erschienen, reihten sich gut ein in das nationalsozialistische Weltbild vom heldenhaften, deutschen Menschen, der Kraft seines Willens Berge versetzen konnte und das einfache, schlichte und körperlich harte bevorzugen sollte. "Der Kranke darf sich nicht allein passiv, tatenlos einem Heilverfahren hingeben, sondern er soll aktiv und verantwortlich an der Wiederherstellung seiner Gesundheit mitarbeiten." Dies forderte etwa nicht nur Schenck für seine Klinik der Zukunft, sondern der auch Naturarzt Alfred Brauchle.

Den entscheidende Beitrag zur nationalsozialistischen Gesundheitsführung lieferte die Naturheilkunde jedoch mit ihrem Konzept einer naturgemäßen und gesunderhaltenden Lebensführung, die Brauchle zu einem ihrer wichtigsten Gesetze zählte. "Die naturgemäße Behandlung stellt nur die Hälfte ihrer Absicht dar, während die Erziehung zu einem naturgemäßen Leben mindestens ebensoviel ihrer Bestrebungen beansprucht. Damit ist die Naturheilkunde ganz grundsätzlich gegenüber anderen Verfahren herausgehoben, weil sich ihre Einstellung mit der Absicht des Staates deckt, ein möglichst hartes, ausdauerndes, zähes und gesundes, fortpflanzungsfähiges Geschlecht heranzuziehen."

In der Betonung ihrer gesundheitserzieherischen Aufgaben trug die Naturheilkunde dazu bei, neben einem individuellen Gesundheitsideal Gesundheit auch als gesellschaftlich erwünschte Verhaltensnorm durchzusetzen. Der Gleichsetzung des Begriffs "Gesundheit" mit politisch erwünschter "Leistungsfähigkeit" setzte sie keine Widerstände entgegen, weil sie selbst im Grunde "Gesundheit" als Normalzustand sah und Krankheit als Deviation von dieser Norm. In dieser utopischen Vorstellung von Fehlen jeglicher Krankheit war sie letztlich auch in Nähe zu nationalsozialistischen Vorstellungen, die Krankheit ebenfalls endgültig beseitigen wollte, indem die Kranken selbst beseitigt wurden. Wer nicht gesund, also leistungsfähig werden konnte, eben ein "unnützer Esser" war, wer sich der geforderten Gesundheitspflicht etwa durch Krankschreibung entzog, fiel der Auslese und Vernichtung anheim. Die Postulierung der Gesundheitspflicht lief auf die Aberkennung eines "Rechts auf Krankheit" hinaus.

Nun ist eine präventiv ausgerichtete Medizin natürlich genausowenig spezifisch nationalsozialistisch wie etwa ein Kneippscher Guß. Erst die Einbindung in eine rassenhygienisches Konzept vom Vorrang des Volksganzen vor dem Individuum macht aus dem Vorbeugegedanken eine gegen das Individuum gerichtete Erziehungsmaßnahme, deren Nichtbefolgung im Nationalsozialismus die Gefahr von Auslese und Ausmerze mit sich brachte.

Die Anerkennung und Aufwertung der Naturheilkunde während der nationalsozialistischen Zeit erfolgte insbesondere aufgrund ihrer Einstellung zu vorbeugenden und erzieherischen Maßnahmen. Deren Einbindung in ein rassenhyghienisches Programm konnte die Naturheilkunde nicht verhindern, da sie von der Richtigkeit ihrer Auffassungen völlig überzeugt war und deswegen die staatliche Förderung begrüßte, sich ansonsten aber nicht weiter um Politik kümmerte. Insofern konnte die Naturheilkunde, die sich selbst als unpolitische Indiviualhygiene versteht, aufgrund ihrer Auffassungen sich dem geforderten Nutzen für das Volksganze nicht entziehen. Denn warum sich jemand nicht an die natürliche Lebensweise hielt, war ihr schon immer unverständlich, wie folgende Bemerkung Sebastian Kneipps zeigt: "Ich bedauere die Berg- und Fabrikarbeiter; aber doppelt so bedauernswert erscheinen sie mir, wenn sie selbst noch obendrein nicht sorgfältig auf mögliche Erhaltung der Gesundheit achten."

Letzte Aktualisierung am 01.05.2010